Müde, antriebslos, Lust auf Deftiges? So kommst du gut durch den Herbstblues
Kennst du das? Kaum wird es im Oktober morgens später hell, kommst du schwerer aus dem Bett. Du hast Lust auf Fettiges und Schweres statt auf leichte Kost, das Sofa ruft lauter als die Yogamatte, und obwohl du genug schläfst, fühlst du dich irgendwie gedämpft.
Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein ganz typischer Herbstblues. Dein Körper reagiert normal auf die Jahreszeit – und in den Wechseljahren oft noch ein bisschen stärker.
Warum der Herbstblues uns ausbremst
Licht ist der wichtigste Taktgeber unserer inneren Uhr. Fällt morgens viel Licht auf die Netzhaut, stoppt der Körper die Produktion des Schlafhormons Melatonin und fährt Cortisol hoch – das Signal: Der Tag beginnt.
Werden die Tage kürzer, verschiebt sich dieser Takt. Melatonin bleibt morgens länger im Spiel, der Cortisol-Anstieg fällt schwächer aus. Das Ergebnis fühlt sich an wie fehlende Motivation, ist aber erst einmal Biologie: Dein System schaltet in den Energiesparmodus.
Und warum trifft der Herbstblues uns Frauen ab 45 oft härter? In der Perimenopause schwankt und sinkt das Östrogen. Östrogen beeinflusst unter anderem, wie viel Serotonin im Gehirn gebildet und wie es verarbeitet wird. Große Langzeitstudien zeigen, dass das Risiko für depressive Verstimmungen in dieser Lebensphase deutlich steigt – auch bei Frauen, die vorher nie damit zu tun hatten. Kommt dann noch der dunkle Herbst dazu, addiert sich beides.
Die gute Nachricht: Gegen den Herbstblues kannst du mehr tun, als es sich gerade anfühlt.
1. Raus ins Licht – am besten vormittags
Das ist der einfachste und am meisten unterschätzte Tipp gegen den Herbstblues. Selbst an einem grauen Novembertag ist es draußen um ein Vielfaches heller als in deinem Wohnzimmer. Drinnen messen wir meist ein paar hundert Lux, draußen unter Wolken schnell mehrere tausend.
So geht’s im Alltag:
- 15–20 Minuten draußen, möglichst in den ersten Stunden nach dem Aufstehen
- Ohne Sonnenbrille (natürlich nie direkt in die Sonne schauen)
- Kein Spaziergang drin? Dann wenigstens den Kaffee auf dem Balkon oder am offenen Fenster trinken
- Mittagspause nach draußen verlegen
Extra-Tipp Vitamin D: In Deutschland reicht die Sonne von etwa Oktober bis März nicht aus, damit die Haut genug Vitamin D bildet. Lass deinen Wert bei deiner Hausärztin bestimmen, bevor du auf Verdacht hoch dosierst.
2. Bewegung – jede Form zählt
Eine große Übersichtsarbeit im British Journal of Sports Medicine (2023) hat über 1.000 Studien mit mehr als 128.000 Menschen zusammengefasst. Ergebnis: Bewegung senkt depressive Symptome, Ängste und Stress deutlich – und zwar ganz unterschiedliche Bewegungsformen. Gehen, Radfahren, Krafttraining, Tanzen, Tai-Chi und auch Yoga haben gut abgeschnitten.
Was im Körper passiert: Bewegung bringt den Kreislauf in Schwung, dämpft stille Entzündungsprozesse und setzt Botenstoffe und Wachstumsfaktoren frei, die dem Gehirn guttun.
Für uns in den Wechseljahren gibt es noch einen Bonus: Krafttraining und Yoga erhalten Muskeln und Knochen – genau das, was ab Mitte 40 wichtiger wird.
Mein Tipp: Leg Licht und Bewegung zusammen. Ein flotter Spaziergang am Vormittag oder ein paar Sonnengrüße am offenen Fenster – damit erwischst du zwei Fliegen mit einer Klappe.
3. Essen, das deinem Gehirn Bausteine liefert
Dein Gehirn macht nur etwa 2 % deines Körpergewichts aus, verbraucht aber rund 20 % deiner Energie. Um Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin zu bilden, braucht es laufend Nachschub: Eiweiß (Aminosäuren), Omega-3-Fette, B‑Vitamine, Magnesium, Eisen und Zink.
Dass Ernährung tatsächlich auf die Stimmung wirkt, zeigen Studien der australischen Deakin University:
- In der SMILES-Studie stellten Menschen mit Depression ihre Ernährung 12 Wochen lang auf eine mediterrane Kost um – viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse, Olivenöl und Fisch. Bei rund jeder Dritten (32 %) waren die Beschwerden danach so weit abgeklungen, dass sie als „in Remission“ galten. In der Vergleichsgruppe mit reiner Gesprächsunterstützung waren es nur 8 %.
- In der CALM-Studie mit 182 Erwachsenen wirkte ein 8‑wöchiges Programm aus Ernährung und Bewegung genauso gut gegen depressive Symptome wie eine Gesprächstherapie (minus 42 % gegenüber minus 37 %).
Dein Gute-Laune-Teller im Herbst:
- Täglich: viel Gemüse (gern warm), eine Handvoll Nüsse, Olivenöl, Vollkorn wie Haferflocken oder Naturreis
- Mehrmals pro Woche: Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen, Bohnen; fetter Fisch wie Lachs oder Hering; Eier
- Selten: Zucker, Süßgetränke, Frittiertes, stark verarbeitete Snacks
Achte in den Wechseljahren besonders auf genug Eiweiß bei jeder Mahlzeit – das hält dich satt, stabilisiert den Blutzucker und schützt deine Muskeln.
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4. Was Ayurveda zum Herbst sagt
Im Ayurveda ist der Herbst die Zeit von Vata – dem Prinzip von Luft und Bewegung. Typisch dafür: kalt, trocken, windig, unbeständig. Spannend finde ich, dass Ayurveda auch die Wechseljahre als eine Vata-betonte Lebensphase sieht. Unruhe, Grübeln, schlechter Schlaf und trockene Haut sind klassische Zeichen dafür, dass Vata aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Die ayurvedische Antwort auf den Herbstblues ist im Grunde ganz einfach: Wärme, Regelmäßigkeit und Erdung.
Fünf ayurvedische Herbst-Rituale, die ich selbst liebe:
- Ein fester Rhythmus (Dinacharya). Steh möglichst jeden Tag zur gleichen Zeit auf, iss zu festen Zeiten und geh vor 22:30 Uhr schlafen. Was im Ayurveda seit Jahrtausenden empfohlen wird, passt erstaunlich gut zu dem, was wir heute über die innere Uhr wissen.
- Warm und gekocht statt kalt und roh. Porridge mit Zimt und Apfel am Morgen, mittags eine Linsensuppe oder Kitchari (Reis mit gelben Linsen und Gewürzen), abends Ofengemüse. Hülsenfrüchte, Gemüse und Vollkorn – das ist übrigens genau das, was auch in den Studien oben auf dem Teller lag.
- Wärmende Gewürze. Ingwer, Zimt, Kreuzkümmel, Kurkuma und Kardamom machen das Essen bekömmlicher und tun einfach gut, wenn es draußen nass und kalt ist. Ein Löffel Ghee oder gutes Öl gehört dazu.
- Die warme Ölmassage (Abhyanga). Ein paar Minuten vor dem Duschen den Körper mit warmem Sesamöl einmassieren – von den Füßen Richtung Herz. Das wirkt gegen trockene Haut und ist für viele meiner Teilnehmerinnen das schönste Ritual gegen innere Unruhe.
- Ruhiges, erdendes Yoga. Langsame Sonnengrüße, Stehhaltungen wie der Krieger, Vorbeugen und eine lange Endentspannung. Dazu ein paar Minuten Wechselatmung (Nadi Shodhana) – das beruhigt das Nervensystem spürbar.
Abends: Eine warme Gewürzmilch mit Kurkuma, Zimt und einer Prise Muskat (oder Haferdrink) und das Handy eine Stunde vor dem Schlafen weglegen.
Fazit: Du bist nicht faul – das ist Herbstblues
Der Herbst verändert nicht dich, er verändert die Bedingungen, unter denen dein Körper arbeitet. Wenn du das weißt, kannst du Müdigkeit und Antriebslosigkeit freundlicher betrachten – und gezielt gegensteuern.
Fang klein an, wenn dich der Herbstblues erwischt. Such dir aus diesem Artikel eine Sache für die nächste Woche aus: den Morgenspaziergang, das warme Frühstück oder die Ölmassage. Das reicht für den Anfang völlig.
Und wenn du dir mal ein ganzes Wochenende nur für dich nehmen möchtest – mit Yoga, ayurvedischer Küche und ganz viel Herbstluft: Vom 23. bis 25. Oktober bin ich mit meinem Retreat am Tegernsee. → Hier findest du alle Infos
Deine Alexandra
Wichtig: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Wenn du dich länger als zwei Wochen fast durchgehend niedergeschlagen, freudlos oder erschöpft fühlst, sprich bitte mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Das ist kein Zeichen von Schwäche.
Quellen
- Singh B. et al. (2023): Effectiveness of physical activity interventions for improving depression, anxiety and distress: an overview of systematic reviews. British Journal of Sports Medicine 57:1203–1209 (97 Reviews, 1.039 Studien, 128.119 Teilnehmende) – zur Studie
- Jacka F. N. et al. (2017): A randomised controlled trial of dietary improvement for adults with major depression (the SMILES trial). BMC Medicine 15:23 – zur Studie
- O’Neil A. et al. (2024): Clinical and cost-effectiveness of remote-delivered, online lifestyle therapy versus psychotherapy for reducing depression: results from the CALM non-inferiority randomised trial. The Lancet Regional Health – Western Pacific 49:101142 – zur Studie
- Bromberger J. T. et al. (2011): Major depression during and after the menopausal transition: SWAN. Psychological Medicine 41(9):1879–1888 – zur Studie







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